“Diese unsägliche Antisemitismusdiskussion”

Kommentar zu den Vorträgen im Rahmen der Erstausstellung “Ride for Justice – Gewaltfreier Widerstand in Palästina” im Künstlerhaus

[Vorträge von Irene Schneider, Shir Hever, Ekkehart Drost]

Der Vortrag “Israel und Palästina – Der Konflikt aus postkolonialer Perspektive” von Professorin Irene Schneider sollte dem Titel nach Perspektiven und Hinweise liefern, wieso der bis heute andauernde Nahostkonflikt nicht gelöst ist. Hier stünden sich zwei politische Akteure, mit Israel auf der einen und der palästinensischen Bevölkerung auf der anderen Seite, gegenüber, doch schon die Herangehensweise in Form der “postkolonialen Perspektive” lässt erahnen, zu wessen Nachteil die Analyse ausfallen wird.

Dabei erörterte Frau Schneider, angefangen im Jahr 1914 bis hin zur heutigen Situation, den Konflikt zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung auf tendenziöse Art und Weise. Schon die Formulierungen und Bezeichnungen, die Frau Schneider wählte, gewährten einen tiefen Einblick in ihre persönliche Perspektive auf den Konflikt.

Aus dem direkten Angriff der umliegenden arabischen Staaten einen Tag nach der israelischen Staatsgründung 1948 macht sie einen Krieg, der zwischen beiden Parteien „erklärt wurde“. Dies ist allein rein faktisch falsch, denn der Krieg wurde eben nicht erklärt, sondern er begann ohne formale Kriegserklärung. Neben verallgemeinernden Aussagen über die israelische Schuld am gesamten Konflikt wurde sie teilweise doch sehr konkret, drastisch und emotional in ihren Darstellungen – sofern die Täter Juden und die Opfer Palästinenser waren. In ihrer Erzählung vom Sechstagekrieg kommen 400 Städte und Dörfer vor, die „dem Erdboden gleich gemacht worden sind“. Das Zustandekommen des Krieges spielte in ihrem Vortrag keine Rolle, sie konzentrierte sich darauf, dass Israel im Zuge dieser Auseinandersetzung die Westbank besetzte. Frau Schneider wollte laut Eigenaussage gar nicht weiter auf diese Gewalttätigkeiten eingehen – ganz so als ob Gewalt keine Rolle spielen würde. Diese vorgebliche Neutralität ist allerdings eine Farce: immer wieder spricht sie Missetaten an, aber konsequenterweise nur dann, wenn Israelis die Täter waren. Die doppelten Standards von Frau Schneider spiegeln sich in unzähligen, weiteren Beispielen wieder: So berichtet sie von Eintrittskarten zu jüdischen Kulturgütern auf denen eine Karte der Westbank eingezeichnet ist auf denen man lediglich die Bezeichnung Judäa und Samaria finden könne, was implizieren würde, dass es keine Westbank geben würde. Was jedoch zu sehen ist, wenn man Schulbücher, die Zeitung oder sonstwas in der Westbank aufschlägt, das wird selbstredend verschwiegen: Publikationen in der gesamten arabischen Welt tendieren dazu, Israel komplett von der Karte zu tilgen – ganz so als ob die Anerkennung Israels keinerlei Relevanz hätte, übergeht sie dies. Ein solche Blindheit gesteht Frau Schneider sich sogar selbst ein, indem sie sagt, dass ihr die Perspektive auf Israel fehle. Richtigerweise hat sie doch schon längst eine, wenn auch eine entschieden antiisraelische.

Die jüdischen Einwanderer werden von ihr darüber hinaus zu Kolonisatoren gemacht. Der Siedlungsbau, der die palästinensische Bevölkerung faktisch verdränge, sei das Hindernis für eine friedliche Lösung und laut vierter Genfer Konvention rechtswidrig. Dass es zum Status dieser „Siedlungen“ auch andere Einschätzungen gibt, bleibt unerwähnt. Für Israel scheint es wohl nur das Schneider-Narrativ zu geben. Der Wunsch nach judenfreien Zonen lässt sich so schließlich besser durchsetzen.

Schlussendlich mündeten die Ausführungen Schneiders in der Darstellung des palästinensischen und israelischen Narrativs über die israelische Staatsgründung und allen weiteren Folgeereignissen. Schon eine solche Herangehensweise an historischem Material ist problematisch. Zunächst bestehen neben diesen „Narrativen“ objektive Fakten, die hier relativiert und diskreditiert werden. Frau Schneider beschäftigt sich weiter nicht nur mit dem Zustandekommen des palästinensischen Narrativs, sondern macht es sich zu eigen. Die Narrative haben „Auswirkungen auf die Legitimierung gegenwärtiger politischer Entscheidungen und Ziele“, so Frau Schneider. Die politischen Entscheidungen und Ziele der Akteure im Nahen Osten sind in jedem Schulbuch, jeder Radiosendung, jeder Charta, jedem Gesetzbuch, unzähligen Straßenbenennungen oder offiziellen Feierlichkeiten nachzuvollziehen.  Sie werden jedoch erst durch die Narrative legitimiert. Der akademische Beitrag von Frau Schneider scheint jedoch keine Analyse des palästinensischen Narrativs zu sein, sondern seine Bekräftigung, damit auch die Bekräftigung antisemitischer Erzählungen und die daran anschließenden Implikationen. Schon zur geschichtsverfälschenden Nakba-Ausstellung traf sie die Aussage, sie wolle den palästinensischen Narrativ sichtbar machen: das ist nicht ohne stumpfe Affirmation antiisraelischer Lügen etwa vom „Landraub“ zu haben.

“Israel ist ein demokratischer, wenn auch jüdischer Staat”

In der anschließenden Diskussionsrunde wurde sich dann auch wieder der Lösung des Konflikts gewidmet, die man wegen der rechtsgerichteten Regierungen in Israel und deren Siedlungspolitik sehr fern scheint. Die palästinensische Seite sieht man nicht in der Pflicht zu Zugeständnissen. Antisemitismus spielt in der gesamten Analyse keine Rolle. Selbst als es um die Camp David-Verhandlungen ging und die Frage, wieso Arafat denn dem Frieden nicht zustimmte, konnte Frau Schneider nicht über ihren Schatten springen und das verfluchte A-Wort herausbekommen. Stattdessen wurde sie schmallippig und sagte lediglich, dass dies sich ihrer Kenntnis entziehe. Allgemein sei jedoch gesagt, dass auch das Rückkehrrecht ein wichtiger Aspekt sei. Einem Hinweis aus dem Publikum, dass eventuell Antisemitismus in dem Konflikt wohl auch eine Rolle spielen könnte, antwortete die Narrativ-Professorin: “Diese unsägliche Antisemitismusdiskussion hat in den Narrativen, die ich dargestellt habe, nichts zu suchen”. Viel lieber sei ihr Ziel die Narrative zu versachlichen. Das Resultat einer solchen Versachlichung von Antisemitismus präsentierte uns Frau Schneider an diesem Abend vorzüglich: Keine Gewalt, kein Antisemitismus, böse israelische Regierungen, böser Siedlungsbau, arme Palästinenser und fertig ist das palästinensische Narrativ bestehend aus “Schwäche, Angst, Leidensgeschichte”. Angemerkt sei, dass ein Rückkehrrecht konsequenterweise auch den Kindern der im Zuge des Gründung Israels aus islamischen Ländern vertriebenen Jüdinnen und Juden zugestanden werden müsste.

Brunnenvergifter Israel

Während Frau Professorin Schneider darum bemüht war, sich neutral zu geben, waren andere Referate von Anfang an als antiisraelische Hetzshow konzipiert. Der Referent Ekkehart Drost sprach zum Eingang seines Vortrags offen darüber, dass er im Gegensatz zu Professorin Schneider „einseitig“ sei, Ausgewogenheit könne man nicht erwarten. Dann agitierte der ehemalige Lehrer sein Publikum mit Schauergeschichten über tote Babys und Brunnenvergiftungen, mithin altbewährte antisemitische Klischees, während er palästinensischen Terror auf ein paar geworfene Kiesel reduzierte: „Überrascht es denn wirklich, wenn die Steine schmeißen? Steine werfen gilt als sicherheitsrelevantes Delikt!“, ganz so, als habe nie auf der Welt ein geworfener Pflasterstein einen Menschen getötet. Sogar menschenwürdige Haftbedingungen kreidet er Israel an, die israelischen Behörden gingen nur gut mit festgenommenen Gewalttätern gut um, um Geständnisse abzupressen. Auch die Verschwörungstheorie, dass Israel eine komplette Annexion des Westjordanlandes plane, gab Drost zum Besten. Es wurde massiv Geschichtsklitterung betrieben, historische Ereignisse wurden dekontextualisiert und es wurde penetrant Werbung für die Boykottkampagne BDS gemacht. Die wirre Aneinanderreihung von Gruselanekdoten aus der Westbank diente vor allem dazu, im Publikum ein Bauchgefühl gegen Israel zu erzeugen. Von der Hamas entführte und ermordete Menschen bezeichnete ein anderer Referent, Shir Hever, stets dehumanisierend als „Kolonisten“ oder „Siedler“, im anhaltenden Terror gegen israelische Zivilisten konnte der Referent kein antisemitisches Moment erkennen, während er Israel immer wieder als Apartheidstaat bezeichnete. Die Diskussionen nach den Vorträgen standen dem inhaltlich in nichts nach. Ein Gutteil der Anwesenden kam, um sich als Dissidenten zu gerieren und im trauten Kreise zu empören. In den Augen der Göttinger Palästinafreunde habe sich sowohl das Universitätspräsidium als auch der AStA durch das Hinwirken auf eine Verschiebung der Nakba-Ausstellung als neokonservativ entlarvt. Die Hamas wurde konsequenterweise immer wieder normalisiert, Intifada (Mord an Juden) zum legitimen Widerstand erklärt. Diese Vorträge zur Begleitung einer Fotoausstellung über „gewaltfreien“ Widerstand gegen Israel wären eigentlich nicht der Rede wert, wären sie nicht bestens dazu geeignet, bewaffnete Vernichtungsantisemiten zu verharmlosen.

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