Rückblick: Kundgebung in Gedenken an die Opfer des Anschlags von Halle

Gestern, am 13. Oktober, fand in Göttingen eine Kundgebung in Gedenken an die Opfer des Anschlags von Halle an der Saale am vergangenen Mittwoch statt. Dem Aufruf von Jachad – Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus waren am frühen Sonntagabend über 200 Menschen gefolgt.

Gemeinsam haben wir mit vielen Göttingerinnen und Göttingern den Ermordeten von Halle gedacht und eine bewegende Rede einer Person, die selbst am vergangenen Mittwoch in der Synagoge in Halle anwesend war.

In zwei weiteren kurzen Statements wurde darüber hinaus der gesellschaftliche Kontext deutlich gemacht. Im Folgenden findet sich unser Redebeitrag:

Wir stehen heute hier, um derer zu gedenken, die letzten Mittwoch Opfer eines brutalen Anschlags in Halle geworden sind. Die Motivation war antisemitisch. Ziel waren die zu Jom Kippur in der Synagoge versammelten Gläubigen. In seinem Wahn versuchte der Täter, die Tür aufzuschießen und zu sprengen. Sein Ziel: möglichst viele Jüdinnen und Juden ermorden. Sein wahnhafter Antisemitismus, der Glaube an eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“, trieb ihn zu dieser Tat. Im Antisemitismus werden Juden als allmächtig und schwach zugleich ersonnen. Sie sind eine Übermacht, die Medien, Politik und Finanzwesen kontrollieren und werden doch als schwach und unterlegen angesehen. In der konkreten Tat entlädt sich der Hass auf alles nicht Verstandene, auf die verleugneten Selbstanteile. Die eigene Ohnmacht wird zum Gefühl der eigenen Allmacht.

Der Antisemitismus war nie verschwunden in Deutschland. Nach 1945 ist er lediglich in Deckung gegangen. Antisemitische Ressentiments werden nunmehr verschleiert geäußert. Zwar stimmten in der BRD konstant um die 20% antisemitischen Aussagen zu, doch zumindest trauten sich die meisten Antisemiten – getrieben von dem Glauben an eine angeblich „jüdische Meinungsdiktatur“ – nicht mehr offen ihren Antisemitismus zur Schau zu tragen. Doch selbst dieser faule Friede der alten Bundesrepublik ist Jahren dahin und immer mehr Akteure befleißigen sich, Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Schrittweise wird das Unsagbare wieder sagbar gemacht. Schrittweise wird ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem sich rechte Schläger und Mörder wohl fühlen, ja gar in der „schweigenden Mehrheit“ wähnen.

Wer hier von einem Einzeltäter spricht, hat höchstens in Bezug auf die konkrete Tat recht. Der Stand der Ermittlungen verbietet Spekulationen, doch auch wenn er die Tat alleine vorbereitet und ausgeführt haben sollte, steht der Täter nicht allein. In Internetforen und Chats tauschen sich Rechte über mögliche Ziele aus, laden Livestreams ihrer Anschläge hoch und besorgen sich die ideologische Rückendeckung, das Gefühl einer Gemeinschaft anzugehören. Unterdessen organisieren sich faschistische Netzwerke in staatlichen Strukturen. Akten werden geschreddert, Waffen verschwinden, von einem Polizeicomputer werden unter dem Label NSU 2.0 Drohmails verschickt, rund 500 polizeilich gesuchte Faschisten sind auf freiem Fuß. Doch überall wimmelt es von Einzeltätern?

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Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle sagt, man habe mehrfach versucht, Polizeischutz zu erhalten. Die Synagoge war völlig unbewacht. Dass der Täter dort keinen Erfolg hatte, lag an den von der Gemeinde selbst vorgenommenen Schutzmaßnahmen. So ermordete er willkürlich zwei Menschen. Dass es sich dabei um eine Frau und einen Kunden eines Dönerladens handelt, ist dabei nicht bloßer Zufall. Antisemitismus ist die Bindeideologie, die alle möglichen Rechten zusammenhält. Sie bleiben aber weiterhin auch Rassisten und Antifeministen. Ihr Hass kann jederzeit in brutale Gewalt gegen alle möglichen Menschen umschlagen, wenn sie ihnen nur zur falschen Zeit über den Weg laufen.

Wir gedenken hier heute Jana und Kevin, die kaltblütig ermordet wurden, die aus ihren aus ihren Familien, aus ihren Freundeskreisen, aus ihrem Leben gerissen wurden. Unser Mitgefühl gilt ihren Freunden und Angehörigen, unsere Solidarität allen von dem Anschlag in Halle und von rechter Gewalt Betroffenen.

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